Eva´s Welt

Veröffentlicht: 10. Januar 2015 in Allgemein

Eva´s Welt

von boeserbub

Eva fühlte sich schuldig, aber sie wusste nicht wieso. Irgendetwas machte sie falsch. Es musste so sein – denn sonst wäre sie ja glücklich gewesen… Und das war sie ganz sicher nicht. Ihr Glück war nur ein Fake, ein gespieltes Glück, wie entworfen auf einer Leinwand und die Leinwand war sie selbst – fad, gehaltlos, nichtssagend, stumpfsinnig, labberig.

Ein Glück, das insziniert, gefeiert und heraufbeschworen werden musste und zwar um jeden Preis.
Entweder mit Sonntagsbraten, Kaffee und Kuchen, Fußball, Fanchören, plumpen Nationalstolz oder schrillen Gekreische. Mit Töpfen von Schminke und Eyeliner, vorallem wenn man Anderen beim Glücklichsein zuschaute – wie in den Sitcoms,
wo die fiktiven Zuschauer für einen das Klatschen und Lachen übernahmen… Oder im Porno, wo die Darsteller das Ficken übernahmen…

Es gab immer drei Parts, wenn es um die Inszenierung von Glück ging und ein jeder brauchte den Anderen – Autoren, Schauspieler und Zuschauer. Es war ein Theaterstück: Die Kinder waren die Schauspieler, die Eltern die Zuschauer und der Autor waren die Gesellschaft und die Medien. Und die drei Parts gehörten irgendwie zusammen und wieder auch nicht.

So war es. Man schaffte sich Kinder an, weil man keinen Hund wollte……..Und das schlimmste daran war: Wahrscheinlich stimmte das sogar in vielen Fällen.

Man stellte das Bühnenbild auf, zog die Häuserfassaden hoch, richtete sich ein, pflanzte ein paar Betunien und kaufte ein Familienauto. Ein Wald aus Illusionen. Der Inhalt war Austauschbar, erlernt und im Grunde dermaßen hohl, dass es einfach jeder erreichen konnte, wenn er wollte…
Es fuhr zwar jeder seinen eigenen Film, das hatten alle gemeinsam, Kaputte, Tätowierte, Fette, Versoffene, Versager, Arbeitssklaven und Großstadtneurotiker und sogar Verbrecher – in Gesellschaft –

Wie in einem Kokon wurden in ihr die Raupen gefüttert, um sich in einen überdimensionalen Scheißhaufen zu verwandeln.

Jugendliche litten unter einer pathologischen Frühreife. Sie wurden immer früher eingeschult, machten immer früher Abitur und kamen immer früher an die Universitäten. Da machten sie dann ihre Abschlüße und standen mit Achtundzwanzig fest im Beruf. In dem Alter gehörte man schon zum alten Eisen. Achtundzwanzig war das neue Vierzig. Und Vierzig war das neue Sechzig und alles, was darüber hiausging kam quasi aus der Steinzeit. Da blieb nicht viel Zeit zum nachdenken.

So früh wie irgendwie möglich sollten alle in den Beruf, am besten in die Technik und keine Fragen stellen.
Und dann so schnell wie möglich in die Arbeitswelt und Steuern zahlen, Kinder kriegen, Windeln wechseln, sparen für´s Auto und schön die Schnauze halten. Hauptsache es ging so weiter wie bisher. Dreihundertvierundsechzig Tage im Jahr.

Die Masse von konsumierenden Schwachköpfen. Shopping als Lebensgefühl. Geld als Sexualkraft, das war ein und dasselbe. Angst, ihr kleines bisschen Potenz zu verlieren.

Der Chor der lebenden Toten erhob sich aus den Gräbern. Man hörte ihren Gesang über den Dächern der Welt erschallen. Tief aus dem Stammhirn dröhnte es….

With the lights out, it´s less dangerous
Here we are now, entertain us
I feel stupid and contagious
Here we are now, entertain us

Vom Konsum gezähmte und ruhig gestellte Tiere im selbst geschaffenen, eisernen Käfig ihrer dekadenten, fauligen, handlungsunfähigen, liberalen Pseudokultur. Einer Kultur, die angeblich  nicht darüber hinwegtäuschen konnte, das dem Handeln und Denken ein kontrollierbares, genetisches Programm zu Grunde lag, dass sich in letzter Konsequenz auf bloße Instinkte reduzieren ließ. Ein sich selbst verwaltender Apparat zur Massenkonditionierung, eine gigantische Schweinezucht.

Ein einziger, riesiger, verlogener, korrupter, sich selbst verwaltender Kompromiss aus Meinungsvielfalt und Desorientierung, getragen von wechselhaften mal schmaler und mal breiter werdenden Stammtisch erprobten Wichtigtuern.

Genau das war diese Kultur: Ein permanenter, unterdrückter Konfliktherd, der zerrieben wurde zwischen Tausenden von Stellungnahmen, Beiträgen, Ergänzungen, wissenschaftlichen Thesen, einschliesslich ihrer Gegenthesen, politischen Parteien und einem Dutzend von Meinungen darüber. Am Ende kam dabei bloß heraus, dass alles gleich belanglos wurde.

Und das Internet war der Schmelztiegel, aus dem am Ende nicht einmal mehr Brei heraus kam, sondern noch viel weniger als Brei. Nämlich eine totale Nichtigkeit, eine riesige Projektionsfläche für jeden, eine schleimige, amorphe, grüne Substanz. Ein Gift. 100% Zucker, 0% Geschmack. Toxic Cola.

Eine geisteskranke und endgrenzte Pseudowelt, die auf eine diabolische Art und Weise viel realer war als die sogenannte reale Welt und letztendlich die ganze Absurdität und Lächerlichkeit des daseins buchstäblich auf einen Punkt brachte.

Lüge und Wahrheit waren auf unselige Weise miteinander verknüpft und wie aus einer absolut wahnwitzigen Ironie des Schicksals heraus, sprachen diese Irren, die Menschen, die Zuschauer des Ganzen es selber aus, als würden sie direkt vor der Wahrheit stehen sie anstarren mit lidlosen Augen, die sich zwar niemals schlossen, aber dennoch nicht sehen können. Sie erkannten nicht, dass sie es selber waren, die diese Welt um sich herum erschufen, Kraft ihrer negativen Gedanken und Wünsche. So wurde die Welt allmählich zu einer Wüste. Und zwar sowohl emotional, als digital, als auch geistig – und schließlich sogar ökologisch.

Und die Opfer von heute würden die Opfer von morgen sein: Opfer, die nach Opfern suchten und am Ende alles und jeden Opfer nannten, ohne zu erkennen, dass sie selbst die Opfer waren.

Es war gruselig. Männchen, in Markenklamotten, aussehend wie ihre Mutti´s, Tussi´s, die sich bei Zalando oder H&M bis zum Erstickungstod mit Klamotten eindecken und aussahen wie ihre eigene Oma´s, kleine Ghettopisser mit krasser Internetflat auf dem I-Phone – all diese wandelnden Geschlechtsteile, die auch noch glaubten sich fortpflanzen zu müssen.

Opfer? In gewisser Weise ja. Aber der Traumatisierte sucht immer Opfer, die er genauso traumatisieren kann wie er traumatisiert worden ist. Natürlich ist das auch psychisch. Aber das ist nur die Schablone, die Maske. Darunter verbirgt sich das Grauen. Hundertfach hab ich es abgetestet.

Und die Männchen saßen vor ihren Computern, vor ihren Ersatzmüttern und holten sich einen runter, wenn noch was ging, ansonsten sprachen sie von Gesetzen und von Errungenschaften der Moderne und unterhielten sich über Inhaltslosigkeiten einer primitiven Unterhaltungsindustrie für die dumme Masse. Alles war proportioniert, aufeinander abgestimmt, jedes Gefühl, jede Tiefe fehlte. Es gab nur oberflächliche Emotionen und Effekte und für die musste man bezahlen. Allein schon die Musik. Kein Song dauerte länger als vier Minuten und man merkte nicht einmal, wann der eine aufgehört und der andere angefangen hatte. Jeder Text wurde abgekürzt, zerhackt, zensiert und verflacht.

Am Ende entstand daraus nichts als ein affektives Wirrwarr aus Halbsätzen und abgebrochenen Gedankenketten, die sich in wilden, zerbrochenen Assoziationen erschöpften, eine endlose Kette von stilistischen Brüchen. Man wurde regelrecht zerstückelt. Ekelhaft. Porno, Horror, Kitsch, Müll, Poesie, Kritik, Philosophie, Religion. Alles stand nebeneinander zur Auswahl und verschmolz zu einem Ganzen, das weniger war als die Summe seiner Teile.

Und was war das Ergebnis? Die Menschen genossen gar nichts mehr richtig, sie konsumierten nur noch und die einzige Form von Freiheit lag darin sich durch sein Konsumverhalten von anderen abzusetzen: Die einen aßen im Steakhaus, die anderen kauften Biokartoffeln. Die einen trugen High Heels, die anderen ihre ausgelatschten Chucks. Konsum-Identität. Mehr gab es nicht: Ich bin, was ich poste und kaufe, erlebe nichts, genieße nicht´s, wie auch. Was ist darunter? Die leeren Verpackungen, die ich weggeschmissen habe, ein Müllberg, der den Abfluss verstopft.

Deshalb waren Drogen auch so weit verbreitet. Nicht wegen der Mafia oder der Politik oder all der bösen Dealer, sondern weil die Menschen entkernt waren. Sie erlebten nichts mehr, nichts, das sie wirklich berührte und innerlich ansprach. Alles war nur noch Zeitvertreib, Beschäftigungstherapie für die Massen, Brot und Spiele und Disco. Die Drogen waren nicht dafür da das Hirn aus-, sondern um das Herz einzuschalten.

Alles künstlich und gefaked in ihrer Welt im portionierten, städtischen Retortenfamilienleben: Vater, Mutter, Kind, Hund, Katze, Wollmütze. Monströs, blockweise aneinander gereiht, zum Gassi gehen.

Literatur

Kolja Mertz / Evas Fluch – der Untergang des christlichen Abendlandes und das Ende der Welt / Verlag: epubli GmbH, 2014

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